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„Mit Interventionen muss man umgehen können“

Interview mit ORF-Kärnten-Chefredakteur Bernhard Bieche zur Gratwanderung des Landesstudios zwischen BZÖ-Zentrale und Küniglberg.

Veröffentlicht in „Österreichischer Journalist“ (Dezember 2008)

Herr Bieche, Hand aufs Herz: Haben Sie gelacht, als die ORF-Satiriker Stermann und Grissemann die Trauerfeierlichkeiten für Jörg Haider durch den Kakao gezogen haben?

BERNHARD BIECHE: Ich habe die Sendung erst im Nachhinein gesehen – und nur in Ausschnitten. Legitim war die Sendung auf jeden Fall: Satire ist durchaus eine Form, so etwas darzustellen, ich habe grundsätzlich kein Problem damit. Die Grenzen der Satire liegen immer in
der Verantwortung der Darbietenden. Allerdings hätte ich mir von Stermann und Grissemann erwartet, dass sie sich den heftigen Reaktionen auch öffentlich stellen – was sie nicht getan haben.

Sie haben es also nicht lustig gefunden.

BIECHE: Humor und Satire ist ein weiter Bogen. Es war ein Grenzfall.

In der Parodie hat auch der ORF, allen voran das Landesstudio Kärnten, sein Fett weg bekommen. In Kärnten wurden die Begräbnisfeierlichkeiten den ganzen Tag lang live übertragen. Im Nachhinein: Haben Sie da nicht zu dick aufgetragen?

BIECHE. Überhaupt nicht. Ich glaube, dass die Live-Übertragung voll gerechtfertigt war. Es gibt auch andere Beispiele, etwa das Begräbnis von Helmut Zilk, das ebenfalls im Fernsehen übertragen wurde. Man hat auch gesehen, dass das Interesse der Öffentlichkeit an der Übertragung den
Trauerfeierlichkeiten sehr groß war: Über 800.000 Zuseher waren national dabei. Der ORF Kärnten hat dann noch im Anschluss das Requiem übertragen, was aus Landessicht völlig legitim war. Es wurde berichtet, was stattgefunden hat. Ich glaube nicht, dass das übertrieben war.

Jörg Haider war der erste Landeshauptmann, der im Amt verstorben ist. Hatte der ORF für solche Szenarien einen Notfallplan?

BIECHE: Natürlich. Wir sind für alle Eventualitäten gerüstet: Das hat man ja auch in dieser Nacht gesehen. Wir waren nur wenige Augenblicke nach dem Unfall mit einer Kamera und Reportern vor
Ort, wiewohl wir damals noch nicht wussten, um wen es sich bei dem Verunglückten handelt. Als sich das dann im Laufe der Stunden herausgestellt hat, war unsere Mannschaft voll aufgestellt. 15
Personen haben sich sofort mit den ersten Übertragungen beschäftigt, ich selbst bin bei den ersten „Zeit im Bild“-Einstiegen auf Sendung gewesen. Kollegen aller Ressorts haben voll mit geholfen, weil wir ja auch das nationale Fernsehen beliefern mussten. Das hat sehr gut funktioniert. In
anderen Fällen – etwa bei Naturkatastrophen – würde es ähnlich ablaufen.

Journalistisch gesehen: Wie würden Sie im Nachhinein die Beziehung des Landesstudios zu Jörg Haider beschreiben?

BIECHE: Er war der Landeshauptmann. Die Beziehung ist dadurch gegeben, dass er durch seine Funktion natürlich immer wieder zentral im Programm vorkommt. Deshalb, und aufgrund seiner umfangreichen Agenden innerhalb der Landesregierung (Haider war auch Finanz- und
Kulturreferent, Anm.) trat er entsprechend oft in der Berichterstattung auf. Das ist legitim. Was umgekehrt nicht bedeutet, dass andere Politiker weniger oft vorgekommen wären. Ich sehe das nicht überdimensioniert.

In der öffentlichen Bedeutung war Jörg Haider weitaus mehr als nur der Kärntner Landeshauptmann. Er war auch einer der umstrittensten Politiker Europas: Etwa wegen seinem Lob für die NS-Beschäftigungspolitik, oder zuletzt durch die Unterbringung mutmaßlich straffälliger Asylwerber in einer „Sonderbetreuungsanstalt“ auf der Saualpe. Daran gemessen war die ORF-Berichterstattung nach seinem Tod eingermaßen unkritisch.

BIECHE. Das stimmt nicht. Wir haben bereits am Tag seines Todes und in den Tagen darauf rückblickend sein ganzes Leben und seine Politik beleuchtet – auch die kritischen Aussagen. Ich glaube, dass unsere Berichterstattung sehr differenziert und ausgewogen war.

Wie differenziert ist zum Beispiel das: Der ORF Kärnten arbeitet bei einer Kärntner-Lieder-DVD zum Andenken an Jörg Haider mit, legt in Eigenregie eine Haider-Gedenk-DVD über das Begräbnis auf. Ist das mit einer kritisch distanzierten Berichterstattung vereinbar?


BIECHE: Es hat sehr, sehr viele Anfragen von Zusehern gegeben, ob sie die Übertragung der Begräbnisfeierlichkeiten nicht auch kopiert bekommen könnte. Und unsere Landesdirektor Willy Haslitzer hat gesagt, bevor wir Einzelanfertigungen machen, produzieren wir es gleich und stellen
es einer guten Sache zur Verfügung: Der Reinerlös geht an „Licht ins Dunkel“. Ich glaube, das Produkt ist durchaus gelungen. Immerhin gibt es bereits mehr als tausend Anfragen.

Für den Fall, dass es Anfragen gäbe: Würden Sie in der gleichen Serie auch DVDs von Stermann und Grissemann auflegen lassen?


BIECHE. Das ist ein nationales Programm. Damit haben wir nichts zu tun.

Die Verhaberungsgefahr zwischen dem öffentlich rechtliche Rundfunk und der Politik ist für die Länderstudios stärker als für den Künglberg. Würden Sie dieser Aussage zustimmen?


BIECHE: Ich sehe überhaupt keine Verhaberungsgefahr. Dass man ständig im Kontakt mit allen Parteien und Politikern steht, ist schließlich klar: Am Küniglberg wie in Klagenfurt. Das ist bei allen politischen Journalisten so. Umgekehrt könnte ich einen Zeitungsjournalisten das Gleiche
fragen.
Es gibt einen Unterschied: Bei der Bestellung des ORF-Landesstudiodirektors hat der Landeshauptmann ein Mitspracherecht. Das ist bei den Zeitungen nicht der Fall.

BIECHE: Es gibt kein direktes Mitspracherecht der Politik, nur die Möglichkeit einer Anhörung. Der Landesdirektor wird einzig vom ORF-Generaldirektor bestimmt.
Dennoch bleibt der Eindruck, dass die Berichterstattung über die politisch Mächtigen sehr handzahm daherkommt. Ist kritischer, investigativer Journalismus in einem Landesstudio überhaupt möglich?


BIECHE: Ich glaube dass wir das in der Vergangenheit schon immer wieder bewiesen haben. Der ORF Kärnten hat in der Vergangenheit immer wieder sehr kritisch berichtet.

Das BZÖ ist zufrieden mit Ihnen. Am orangen Parteitag Mitte November hat der frisch gewählte Kärntner Parteichef Uwe Scheuch das Landesstudio über den Klee gelobt. Zitat: „Die Berichterstattung zeigte Stil. Der ORF Kärnten hat die Trauer in Kärnten mitgetragen und sehr
andachtsvoll transportiert.“ Sie saßen auf der Pressetribüne. Haben Sie sich gefreut?

BIECHE: Lob seitens der Politik ist aber natürlich nicht das, was wir uns als Journalisten täglich wünschen. Allerdings: Für eine korrekte Berichterstattung einen Zuspruch zu bekommen, finde ich
nicht außergewöhnlich.
Im gleichen Atemzug hat Scheuch das nationale Fernsehen gegeißelt, das Kärnten in „beleidigt und demütigt“, die Bevölkerung als „hinterwäldlerische, zurückgeblieben Bergbauern darstelle“. Ein
Versuch, die beiden Studios gegeneinander auszuspielen?

BIECHE: Es gibt immer wieder punktuelle Aufregung der Landespolitik über Teile des nationalen Programms. Das sollte man nicht überbewerten. Ich glaube nicht, dass das ein Versuch war, einen Keil zwischen uns zu treiben.
Hat es in den Tagen nach Haider Tod unterschiedliche journalistische Zugänge der beiden Redaktionen gegeben?


BIECHE: Nein. Vom ersten Tag an war alles völlig reibungsfrei und produktiv. Es gab eine sehr gute und gedeihliche Zusammenarbeit mit Roland Adrowitzer („Zeit im Bild“-Chefreporter, Anm.),
der von Wien aus für das nationale Programm gearbeitet hat. In den ersten Stunden haben wir das Programm beliefert. Danach war es ein Teamwork und ich glaube auch, dass sich Adrowitzers
Berichte von unseren durchaus nicht unterschieden haben.

Wenn Sie sich mit Kollegen aus den anderen Länderstudios unterhalten: Stellen Sie dann fest, dass es in Kärnten mehr politische Interventionen gibt?


BIECHE: Interventionen, als negativ behaftete Einflussnahme auf Programminhalte, müssen abgewehrt werden und werden auch abgewehrt. Ich habe keine Informationen darüber, wie es in
den anderen Ländern aussieht aber bei uns hält es sich sehr in Maßen. Andere Formen von Intervention sind aber durchaus legitim: Gespräche mit Politikern zu verschiedensten Tagestehemsind journalistischer Alltag, Pressesprecher haben die Aufgabe, den Kontakt mit den
Medien aufrecht zu halten. Damit muss man umgehen können.

Welche Partei interveniert am meisten?

BIECHE: Im Schnitt eigentlich alle Parteien. Natürlich gibt es mehr Interventionen von den Regierungsparteien da es in Kärnten ja eine Konzentrationsregierung mit BZÖ, SPÖ und ÖVP gibt. Aber im Grunde hält es sich in Grenzen. Wirklich: Ich stöhne nicht darunter.

Zur Person:
Bernhard Bieche (44) ist seit 2002 Chefredakteur des ORF Kärnten. Seine Laufbahn begann 1987 in Zeiten einer SPÖ-Absoluten unter Landeshauptmann Leopold Wagner, in den Neunzigern kam
nach kurzem FPÖ-Intermezzo unter Jörg Haider mit Christoph Zernatto ein ÖVP-Mann zum Zug. 1999 bis 2008 regierte Jörg Haider, ihm folgte im Oktober Gerhard Dörfler.

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