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Kunst bringt Farbe in den Knast

Gefängnis-Reportage für die Kleine Zeitung.  Erschienen am 19. April 2009

Seit neun Monaten sitzt „Houdi“, der Maler in der Justizwacheanstalt Klagenfurt. Er sitzt nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal sieht er die Haft als kreative Herausforderung.

Humaner Strafvollzug hin oder her: Wenn am frühen Abend der Riegel ins Schloss fällt, das sich nur von außen öffnen lässt, dann ist Houdi ein Häftling wie 300 andere in der Justizwacheanstalt Klagenfurt. Dann kauert er in seiner winzigen Zelle, inmitten von Leinwänden, Pinseln, bekleckerten Farbtöpfen und malt sich den Kopf frei: mit Sonnenuntergängen, Tigern, Fabelwesen. „Wenn ich nicht schlafen kann, male ich die ganze Nacht durch“, sagt Houdi, dessen richtiger Name nicht in der Zeitung stehen darf. So wollen es die Vorschriften.

Der 54-Jährige mit den schlohweißen langen Haaren und den wachen Augen sitzt nicht zum ersten Mal hier. Doch erstmals sieht er die Haft nicht nur als Strafe, sondern auch als kreative Herausforderung. Seit er vor neun Monaten eingeliefert wurde – „wegen Betrügereien“, sagt er freundlich, aber wortkarg – hat der Maler, Grafiker und gestrauchelte Lebenskünstler den grauen Knastalltag in Farbe getaucht. Ermuntert von Anstaltsleiter Peter Bevc begann er im Herbst 2008 den Spazierhof auszumalen. Drei Wochen lang rückte er Tag für Tag aus und gestaltete die kahlen, von Stacheldrahtrollen begrenzten Wände, zwischen denen sich Häftlinge die Füße vertreten. Ein einheitlicher Stil lässt sich nicht feststellen, die Wahl der Motive überließ Houdi seinen Mitgefangenen. „Wenn sie jetzt vorbeigehen, sehen sie ihr ganz persönliches Bild“, sagt er.

Es blieb nicht beim Innenhof. Houdi bemalte die Küche, den Freizeitraum, verschiedene Gänge. „Als Nächstes kommt die Frauenabteilung dran“, sagt er. Eine junge Frau begrüßt Houdi per Wangenkuss. Er hat sie in die Grundzüge der Malerei eingeweiht, bei einem Workshop, auch auf Initiative der Anstaltsleitung. „Erstmals haben Männer und Frauen zusammengearbeitet“, erzählt Bevc. Ob es zwischenmenschliche Irritationen gegeben habe? Im Gegenteil: „Durch die gemischten Gruppen ist der gegenseitige Respekt enorm gestiegen“, erzählt der Anstaltsleiter. Das Malen sei ihre bisher beste Knasterfahrung gewesen, schwärmt die junge Frau.

Ein Teil der Bilder wurden unter den Justizbeamten versteigert: „Fast alle Kollegen haben sich beteiligt“, freut sich Bevc über den großen Anklang. Der Erlös – 1000 Euro – geht an die Kinderkrebshilfe. Die Scheckübergabe findet im Büro der Gefängnisleitung statt. „Sie dürfen nicht denken, dass hier nur schlechte Menschen leben“, sagt Houdi zu Evelyne Ferra von der Kinderkrebshilfe. Tue sie nicht, beteuert die quirlige Obfrau offenherzig: „Man glaubt gar nicht, wie schnell man hier landet. Das kann jedem von uns passieren.“

Auch wenn hier vereinzelt Schwerkriminelle ihre Strafe absitzen: Der Großteil sind kleinere Fische. Die häufigsten Delikte sind Betrügereien, Diebstähle, Körperverletzung. Und hinter jeder Straftat steht eine Geschichte, die nichts entschuldigt, aber manches erklärt. Nur selten sind die Hintergründe so öffentlich ausgeleuchtet wie bei Rene (16), dessen Untaten in den vergangenen Jahren immer wieder durch die Schlagzeilen geisterten. Seit einigen Monaten sitzt der wiederholt wegen schwerer Körperverletzungen verurteilte Jugendliche aus prekärem Elternhaus in Haft. Er wirkt zurückhaltend und schüchtern, vorsichtig taxiert er den Besucher.

Auch Rene hat mit Houdi gemalt. Ob er seine Bilder herzeigen würde? Gleichgültig kramt er in einem Stapel und zieht zwei Leinwände in starken, kontrastreichen Farben heraus. „Von dir, Rene?“ Schulterzucken. „Ja.“ Die Aquarelle zeigen die Sonne, Blitze, das Meer. „Beeindruckend, Rene.“ Für einen Sekundenbruchteil huscht ein Lächeln über sein Gesicht, für einen Augenblick wirkt er wie ein ganz normaler Jugendlicher, der sich über Anerkennung freut. Möglich gemacht hat es Houdi, der Knastkünstler.

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