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Blutige Grüße aus der Vergangenheit

Lokalaugenschein in Belfast nach den Terroranschlägen

Tom York hat noch immer eine Ausrede gefunden, wenn ihn sein evangelischer Arbeitskollege eingeladen hat, zu sich, in das protestantische Viertel Belfasts. „Keine zehn Pferde bringen mich in ein englisches Pub.“

Tom ist Katholik. Man traf sich unlängst auf „neutralem Gebiet“ in der Innenstadt von Belfast, wie der 39-jährige Beamte freimütig erzählt. „Ich weiß schon, es ist völlig irrational, aber ich vertraue den Protestanten nicht.“

Erstmals seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 hat es vergangene Woche in Nordirland wieder heftig gekracht: Bei zwei Anschlägen in der Nähe von Belfast starben am 7. März dieses Jahres zwei britische Soldaten und ein Polizist. Ein blutiger Gruß aus der Vergangenheit, aus der Zeit der „troubles“ (Probleme), wie die offizielle Sprachregelung verschämt beschönigt.

Keine Frage: Anders als in den 1970er und 1980er Jahren lehnt heute die überwiegende Mehrheit der katholischen Bevölkerung die IRA-Anschläge ab. „Wir haben keinen Appetit auf Krieg“, sagt York. Aber man hat sich eben nur auf einen Waffenstillstand geeinigt, auf ein belauerndes Nebeneinander.

Immer noch ist der Großteil der Stadt in kaum durchlässige katholische und protestantische Bezirke geteilt. Immer noch sind Kindergärten und Schulen streng nach Konfession unterschieden, „Friedenslinien“ – meterhohe Mauern – trennen Problembezirke voneinander.

Bei Bedarf können ganze Viertel hermetisch abgeriegelt werden, um Bombenattentate zu vermeiden. „Si vis pacem, evita bellum“ – Willst du Frieden, vermeide den Krieg, hat jemand an einer Stelle auf die Mauer gekritzelt.

Von der Unmöglichkeit des Miteinander kann auch Liam Barr ein Lied singen. „Diese Vorfälle ändern nichts“, sagt er. Barr arbeitet für die Belfaster Stadtverwaltung, als Leiter der Abteilung für soziale Entwicklung ist er auch für Wohnbau-Projekte zuständig. „Hinter den Friedensprozess fallen wir nicht mehr zurück, sagt er. Doch auch Barr schränkt ein: „Irgendwann in ferner Zukunft werden Protesanten und Katholiken Tür an Tür wohnen. Aber es wird noch lange dauern.“ Noch kann davon keine Rede sein.

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