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Gedrucktes

Mit Hakenkreuz und Rosenkranz

Reportage für die Kleine Zeitung, 18. Mai 2008


An die 9000 Kroaten pilgerten am Samstag nach Bleiburg und gedachten wie jedes Jahr dem Nachkriegs-Massaker der Tito-Armee an Ustascha-Anhängern. Unter ihnen: Priester, Politiker & Neonazis.

Kein Plakat kündigte die Großveranstaltung an, die am Loibacher Feld bei Bleiburg stattfand. Und dennoch: Rund 9000 Kroaten waren gekommen, um der Opfer eines der größten Massaker der Nachkriegszeit zu gedenken. Das Treffen findet seit Jahrzehnten statt: eine zähe, unentwirrbare Gemengelage aus Kirchenprozession, Totengedenken und unverhohlener Faschismus-Verklärung.

Die Bleiburger Tragödie: Mit Billigung der britischen Besatzungskräfte wurden 1945 über 40.000 Ustascha-Anhänger von der jugoslawischen Armee aus Kärnten deportiert und hingemetzelt. Eine von Staatschef Tito angeordnete “Rache” für 100.000 Juden, Roma, Serben und Partisanen, die zuvor durch die mit Hitler verbündete kroatische Ustascha-Regierung ermordet wurden.

Vor dem Loibacher Friedhof steht ein etwa 18-jähriger Bursche mit glatt rasiertem Kopf und raucht. Das Kinn hält er arrogant nach vorne gereckt. Auf seinem schwarzen T-Shirt ein Bild von Thompson – jenem kroatischen Popstar, der in seinen Liedern die Verherrlichung von KZ-Schlächtern mit schnulziger Folkore unterlegt. Unlängst hat die Kärntner Landespolitik einen Thompson-Auftritt verhindert, wenig später hat ihn Jörg Haider als Ehrengast zur EM eingeladen.

Wenige Meter entfernt legen Geistliche Kränze vor den Gräbern ab. Mit dabei: der kroatische Innenminister und der zweite Parlamentspräsident. Das Treffen ist in Kroatien umstritten: Präsident Stipe Mesic distanziert sich vom Ustascha-Kult.

“Ich bin hier, weil mein Großvater unter den Opfern war”, erzählt Jelko, ein junger kroatischer Techniker. Mit den “Nazis” will er nicht in einen Topf geworfen werden: “Die sind leider überall.” Am Revers hat Jelko einen Button der ein wenig an das eiserne Kreuz gemahnt, durchgestrichen mit einem blau-weißen Balken. Was der zu bedeuten hat? Der Balken stehe für den Canossagang seiner Ahnen von Bleiburg bis Zagreb, klärt er auf. “Like Jesus, you know?”

Der Zug setzt sich in Bewegung, zum Opfer-Denkmal am “Loibacher Feld”. Langsam. Den Takt geben Rosenkranz betende Priester vor. Ein Mann mittleren Alters mit einer Armeehose trägt ein Kreuz auf dem Rücken, dahinter Nonnen neben Abzeichen-bewehrten Kriegsveteranen. Weiter hinten marschiert ein schwarz gekleideter Mittzwanziger mit einem stilisierten Wehrmacht-Emblem auf der Mütze.

Man ist am Loibacher Feld angekommen, wo die Gedenkmesse stattfindet. Die Massen murmeln Gebete. An den Nebenschauplätzen: Motorradfahrer, Bier trinkende Jugendliche und das kroatische Staatsfernsehen mit großen Übertragungswägen.

Die Prozession verläuft friedlich: “Es hat keinen Zwischenfall gegeben”, weiß Helmut Mayer, Leiter Verfassungsschutzes. Gegen die “uniformähnlichen Gewänder” kann er nichts machen. Ebenso wie die vielen Ustascha-Fahnen, sind sie in Österreich nicht verboten.

Wohl aber in Kroatien. “Dort wäre diese Veranstaltung unmöglich”, bedauert ein älterer Herr. Die Organisatoren – darunter auch das Parlament – weichen deswegen nach Kärnten aus.

Nur so ein eigenartiger Widerspruch mehr.

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