Articles

Wer ist hier unschuldig?

In Uncategorized on August 9, 2009 by carnica

Einige weitgehend ungeordnete Privat-Gedanken zu den Todesschüssen von Krems

Wie politisiert man über das Absurde? Vor allem wenn das Absurde in Gestalt einer nächtlichen Tragödie daherkommt? So wie vergangene Woche in Krems, als zwei Polizeibeamte in der Dunkelheit einen 14-jährigen Einbrecher von hinten erschossen haben.

Man sucht einen Schuldigen. Und der politische Standort bestimmt, ob hiezu die beiden Exekutivbeamten, die konservative Innenministerin Maria Fekter oder der tote  Teenager und sein angeschossener Kumpane selbst denunziert werden.

„Einbrechen ist Unrecht“, mit diesem Nona-Satz fasst der ÖVP-Pressedienst ein ausführliches Kurier-Interview der Innenmininisterin (die sich hinter die Polizei stellt) zusammen. Fekters Schlüssel-Botschaft zeigt, wohin die argumentative Reise geht.

Es habe „keine Unschuldigen getroffen“, schreibt ÖVP-Insider Gerhard Loub in seinem lesenswerten Privat-Weblog. Vielmehr „zwei Einbrecher, die bereits zuvor mehrfach straffällig geworden sind“. Loub koordiniert den Internet-Auftritt der Volkspartei, sein Weblog  lässt gewisse Rückschlüsse auf die Innenansicht einer großen österreichischen Mitte-Rechts-Partei zu, die darum kämpft, den äußeren rechten Rand abzudichten. Einer Partei gleichwohl, die wenige Anlässe verstreichen lässt, christliche Grundwerte hochzuhalten.

Gott sei Dank:
Es hat keine Unschuldigen getroffen!
Es hat keine Unschuldigen getroffen!
Es hat keine Unschuldigen getroffen!

Der erschossene Bub war begrenzt strafmündig. Er wäre weder alt genug gewesen, seine Stimme einer politischen Partei zu geben, noch ein Mofa, geschweige denn ein Auto zu lenken. Aber wenn er im Zuge eines Polizeieinsatzes getötet wird, dann hat es „keinen Unschuldigen“ getroffen.

Aber ich will hier nicht gegen Loub polemisieren, zumal ich mich letztlich nur an dieser Formulierung (wenn auch gewaltig) stoße. Wie er halte ich die Vorverurteilung der beiden PolizistInnen für unseriös und – ja – nahezu hetzerisch.

Auch wenn wenn die (zunächst von offizieller Stelle eifrig dementierten) Fälle von maßloser Polizeigewalt mittlerweile Akten füllen, gilt für die beiden Beamten zunächst die Unschuldsvermutung. Ich weiß nicht, was in einem Polizisten vorgeht, der in einer derartigen Stresssituation zur Waffe greift. Ich hoffe einerseits, dass sie einen Fehler gemacht haben, weil ich nicht glauben will, dass unser Rechtssystem Schüsse auf Einbrecher (die anders als Räuber keine Gewaltanwendung einkalkulieren) vorsieht. Ob schuldig, teilschuldig oder unschuldig tun mir zum anderen die beiden Beamten ebenso leid wie alle übrigen Beteiligten und Angehörigen (ob schuldig, teilschuldig oder unschuldig). Ich gehe davon aus, dass es ihnen nicht gut beschissen geht. Sie sollten sich fern halten von der Presse. Von jener, die sie zu Mördern macht ebenso wie von jener, die sie zu Opfern stilisiert.

Jedes Wort wäre ein Wort zu viel. Das gilt auch für den Grünen Sicherheitssprecher Peter Pilz, der die tödlichen Schüsse zum Anlass für eine  Generalabrechnung mit der Innenministerin und ihren Vorgängern nimmt. Es geht weniger um die durchaus diskussionswürdige politische Substanz seiner Aussagen. Es geht darum, dass er unmittelbar nach dem Vorfall politisches Kleingeld wechselt. Das ist zynisch.

Übertroffen wird er nur von der unverschämt zur Schau gestellten Schrebergarten-Mentlität jener Sportfans, die das von Fekter verhängte Verbot von Pyromitteln in Fußballstadien in Zusammenhang mit dem Kremser Todesfall bringen.

Fekter: Anstatt uns die Fackeln, nimm deinen Cowboys die Revolver weg

stand auf einem Transparent, das Fußball-Fans während eines Spieles in die Kamera hielten. Die sich damit nicht entblödeten, ihr eigenes Kleinklein-Anliegen mit einer mit einer entsetzlichen menschlichen Tragödie zu illustrieren.

Was einiges über die Diskussionskultur in diesem Lande aussagt. Wie man hierzulande das Absurden diskutiert? Mit absurden Argumenten.

Advertisements

Eine Antwort to “Wer ist hier unschuldig?”

  1. die suche nach schuld und unschuld bringt in diesem zusammenhang kaum etwas. auch ich denke, dass ALLE an dem tragischen vorfall beteiligten traumatisiert sind. bloss ein 14 jähriger ist nicht traumatisiert sondern tot. und das- soviel als vorverurteilung – mit scharfer munition auf ihn geschossen wurde.
    die frage ist doch: was erzeugt ein solches klima in dem land, dass es nötig ist mit gezückten pistolen einbrecher zu jagen. eigentum mit schusswaffen verteidigen?
    hier wurde abermals eine grenze überschritten. professionelle krisenbewältigung stelle ich mir anders vor.
    und kritik an der gehäuften polizeigewalt sowie der damit verbundenen medienarbeit hat noch lange nichts mit ideologisierter vorverurteilung zu tun. seit tagen tickern ausschließlich neue nachrichten über die kriminalität der jugendlichen durch die medien. ich lebe hier bei krems. ich sehe die jugendlichen, die zu weinen beginnen, weil sie die jungs kannten. ich höre die alten stimmen, die meinen, es geschehe den einbrechern schon recht.

    wann, wenn nicht jetzt ist die zeit darauf hinzuweisen, dass unverhältnismäßige (das traue ich mir zu jetzt schon behaupten zu können) polizeigewalt endlich durch entsprechende massnahmen eingedämmt gehört. hier dreht nämlich ein offizielles organ gewaltig an der gewaltschraube.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: