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Graf führt Regie

In Uncategorized on Juli 27, 2009 by carnica

Martin Graf fordert also im Interview mit der Presse eine Volksabstimmung über die Rückkehr Südtirols zu Österreich. Hat diese Forderung Aussicht auf Erfolg, weil es in Südtirol, Nordtirol oder Restösterreich eine realistische Mehrheit dafür gibt? Mitnichten.

So fucking what? Der konservative Außenminister Michael Spindelegger wird derlei abgrundgräfliche Befindlichkeiten anlässlich seines Rom-Besuchs als das bezeichnen, was sie sind: die krude Einzelmeinung eines Rechtsaußen-Politikers, der infolge eines bedauerlichen parlamentarischen Betriebsunfalls in eine Position gerutscht ist, in der er nichts, aber auch schon gar nichts verloren hat. Ähnliches soll in Italien auch schon vorgefallen sein.

Doch wie kam es zu dem Sager? Aufschlussreich an dem Presse-Interview ist die erste Frage:

Wie österreichisch ist das heutige Südtirol für Sie?

Warum steigt der Interviewer mit dem Thema Süditirol ein (das gesamte Gespräch handelt von nichts anderem)? Logische Antwort: Weil Martin Graf die Presse um ein Interview zu diesem Komplex ersucht hat. (Eine falsche Annahme: Die „Presse“ hat nach entsprechenden Aussagen Grafs am Rande einer Veranstaltung  in Tirol nachgefragt.) Graf wollte zündeln. Und die bürgerliche Presse, die – durchaus nicht immer zu Unrecht – dafür plädiert, rechtsrechten Provokationen so wenig Platz als möglich einzuräumen, konnte der blauen Verlockung diesmal eben nicht widerstehen.

Aber warum zündelt Graf? Als Duftmarke für den faschistischen  Rand seiner Gesinnungsgemeinschaft (so man sie so nennen will)? Mag sein, die einschlägigen Postings unter dem Presse-Artikel beweisen, dass die Botschaft angekommen ist. Wahrscheinlicher scheint mir aber, dass Graf ganz bewusst den Rubikon überschreitet: Er will abgewählt werden. Dafür gebe es zwar eine (theoretische) parlamentarische Mehrheit, aber keine gesetzliche Grundlage. Und gegen eine Gesetzesänderung („Anlassgesetzgebung“) sperrt sich die ÖVP – noch. Die Anzeichen häufen sich freilich, dass der schwarze Widerstand bröckelt.

Wäre das gut so? Ich bin mir nicht sicher. Man könnte ein langfristiges blaues Kalkül hinter der Nominierung Grafs zum Dritten Nationalratspräsidenten vermuten. Schritt eins: die Demütigung der beiden Großparteien SPÖ und ÖVP. In ihrerer realpolitischen Feigheit sehen sie sich außerstande, selbst einem Hardliner mit einschlägiger Biografie wie Martin Graf die Wahl zu versagen. Zweitens: Ein Tabubruch folgt dem nächsten, womit den Koalitionsparteien einmal mehr ihre (proporzpolitischer Erstarrung geschuldete) Machtlosigkeit vor Augen geführt wird. Drittens: Irgendwann werden Rot und (vor allem) Schwarz doch reagieren – und Graf in einem mühsamen Kraftakt abservieren, der die Ohnmacht der beiden so genannten Großen erst richtig verdeutlicht: Das Match heißt David gegen Goliath. Und letzterer gewinnt in diesem Spiel nur vordergründig. Denn ein abgewählter Märtyrer  Graf würde der FPÖ einen  Nimbus der „Tapferkeit vor dem Feind“ verleihen, mit dem sich trefflich wahlkämpfen lässt. Letztlich geht’s der blauen Truppe um Äktschn.

Nur zur Klarstellung: Martin Graf ist eine Schande für das Parlament, seine Wahl als Dritter Nationalratspräsident hat dem Klima in diesem Land schweren Schaden zugefügt. Ich meine aber, dass sich SPÖ, ÖVP und Grüne mit einer Abwahl unter großem Getöse weiterhin in die Regie Kickls und Villimskys fügen. Was tun? Ignorieren? Besser: ausschließen. Ein Dritter Nationalratspräsident ist eben ein Dritter Nationalratspräsident: der zweite Stellvertreter, ein Platzhalter, der nur amtsführen darf, wenn die Erwachsenen gerade beschäftigt sind. Und der nur jene Bedeutung erhält, die ihm Medien wie Profil, Standard und jetzt eben auch die Presse zugestehen.


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12 Antworten to “Graf führt Regie”

  1. ich fürchte, das trifft es sehr punktgenau.

    zumindest eine sinnvolle konsequenz fällt mir dank dieses interessanten artikel ein; und erschiene mir stringent, angeraten, eine gebotene strategie:
    den rücktritt bzw. die kündigung von rainer nowak und michael fleischhacker zu fordern.

  2. Interessante Analyse. Soviel Intelligenz würde ich der FPÖ nicht zutrauen (Galgenhumor), aber es hat einen wahren Kern: Die Großparteien bzw. der demokratische Grundkonsens in Österreich agiert höchst unstrategisch gegen die Strategien von Rechts. Oft sogar einfach so Patschert, dass das Chaos der FPÖ als „Plan“ erscheinen könnte.

    Siehe dazu: http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/berliner-erfahrungen-absprachen-demokratischer-parteien-helfen-gegen-neonazis-parlamenten-9271

  3. Doch, ich traue ihnen die Intelligenz zu. Der Wahnsinn hat durchaus Methode – und Erfolg, wenn man die Wahlergebnisse von FPÖ und NPD vergleicht.

  4. […] Graf führt Regie « Panoptica Man könnte ein langfristiges blaues Kalkül hinter der Nominierung Grafs zum Dritten Nationalratspräsidenten vermuten. Schritt eins: die Demütigung der beiden Großparteien SPÖ und ÖVP. In ihrerer realpolitischen Feigheit sehen sie sich außerstande, selbst einem Hardliner mit einschlägiger Biografie wie Martin Graf die Wahl zu versagen. Zweitens: Ein Tabubruch folgt dem nächsten, womit den Koalitionsparteien einmal mehr ihre (proporzpolitischer Erstarrung geschuldete) Machtlosigkeit vor Augen geführt wird. Drittens: Irgendwann werden Rot und (vor allem) Schwarz doch reagieren – und Graf in einem mühsamen Kraftakt abservieren, der die Ohnmacht der beiden so genannten Großen erst richtig verdeutlicht: Das Match heißt David gegen Goliath. Und letzterer gewinnt in diesem Spiel nur vordergründig. Denn ein abgewählter Märtyrer Graf würde der FPÖ einen Nimbus der “Tapferkeit vor dem Feind” verleihen, mit dem sich trefflich wahlkämpfen lässt. Letztlich geht’s der blauen Truppe um Äktschn. (tags: panoptica martin graf rechtsextremismus österreich innenpolitik analyse südtirol) […]

  5. Die eingangs genannte so genannte logische Antwort ist das nicht, sondern schlicht und falsch. Nicht Martin Graf hat uns ein Interview zum Thema Südtirol angeboten. Sondern wir ihm. Warum? Weil wir ein großes Südtirol-Thema mit einer langen Reportage über Südtirol 2009, also Alto Adige im dem Andreas-Hofer-Gedenkjahr, geplant hatten. Für die eingeschworenen Wien-Bobos, Nicht-Tiroler oder all jene, die den Südtirol-Konflikt nur aus den Geschichtsbüchern kennen: Das Gedenken an den Tiroler Widerstandskämpfer ist vor allem, aber nicht nur im rechten Lager immer auch mit dem politischen Bestreben um die Einheit Tirols verbunden. Martin Graf hat seine Forderung nach einer Rückkehr Südtirols in abgeschwächter Form übrigens auch auf einem Kommers in Innsbruck formuliert. Es war daher für uns logisch, Graf zu diesem Thema zu interviewen. Wenn ein dritter Nationalratspräsident die offizielle Linie des Republik bei einem außenpolitisch so sensiblen Thema konterkariert, ist das auch nicht ganz uninteressant. Das enorme mediale Echo gab uns Recht.
    Man könnte auch sagen: Das nennt sich Journalismus. Aber manche scheinen zu glauben, wir dürfen nur berichten, was lieb, nett und vorgekaut ist.
    Lieben Gruß,
    Rainer NOwak

    • was sind denn das? „eingeschworene Wien-Bobos“??

      und:

      Man könnte auch sagen: Das nennt sich Journalismus.

      jup, das passt ins Bild, „man könnte sagen, dass sich das nennt“. Und das „was sich“ nennt, sei der Journalismus. Was sich selbst halt so Journalismus nennt. 🙂

      und im nächsten Atemzug faselt von „berichten dürfen“; Unterstellung etwas verboten zu bekommen, samt der Unterstellung, dass irgendwelche „Andere“ (Wien-Bobos?) nicht nur etwas verbieten wollen sondern „lieb, nett und vorgekaut“ fordern. Womit „man selbst“ sich wie rebellisch und intelligent vorkommen kann? Die nullachtfufzehn Nummer der immer zu kurz gekommenen Lulu, mmh?

      Presse-Lulus vs. Wien-Bobos offensichtlich.
      So schnitzt sich diePresse ja auch tatsächlich gern die Welt.

  6. Schade, Herr Roessler. Ich dachte, hier lässt es sich ohne persönliche Untergriffe diskutieren. Dann eben nicht.

    • autsch, presse-lulu in seinem element. selbstmitleid mit versuch, dem ganzen einen abgeklärt über den dingen stehenden spin zu geben.

      q.e.d. 😦

      ps: bis heute und seit jahren ist diepresse die antwort schuldig, über welchen dingen sie zu stehen vermeint. stringente argumentation? rechtschreibung? verantwortung gegenüber historischen fakten? akademische ausbildung? debatte? sinnvolle begrifflichkeit? 😉

    • schade, weil ich kommentare freischalte?
      In kürze, weil urlaubsbedingt umständlicherweise vom handy aus: danke für die kommentare, es freut mich das ich eine diskussion lostgetreten habe. das ist eine journalistische freude. Wenn ich ihnen, herr nowak, unrecht getan habe, bitte ich um verzeihung: ich kann jetzt nachvollziehen, wie es zu dem interview gekommen ist, ich kann ihre beweggründe nachvollziehen. klar ist das journalismus, nachzufragen. Bloß: mit demselben argument könnte man stefan Petzner etwa zu den ähh…. Hintergründen zu jörg haiders tod befragen.
      Mein kritikpunkt war, dass die presse, entgegen ihren klar formulierten ansprüchen, den provokationen eines herrn graf breiten raum bietet.
      Mit lieben grüßen , wolfgang rössler

      • Sie Armer müssen Kommentare während des Urlaubs freischalten! Ich poste wenigstens nur in Bloggs und maile. (An HC: Lassen wir das doch einfach. Töten Sie mit einem Ihrer Computerspiel einfach alle Lulus und Zulus, die Ihnen vor die Flinte kommen und hoffen wir, dass es dabei bleibt. Vielleicht sehen wir uns ja auch einmal zufällig in Wien Leopoldstadt, dann können wir diese Frage in Angesicht zu Angesicht ganz ruhig klären. Ich fürchte mich schon ein bisschen, so militant und gefährlich wie Sie offenbar sind.) Viel interessanter ist Ihre Position, Herr Rössler: Sie glauben also, dass eine Tageszeitung Graf einfach keinen Platz einräumen sollte? Quasi einfach ignorieren müsste? So einfach ist das nicht. Der Mann wurde von einer Mehrheit im Nationalrat zum dritten NR-Präsidenten des Landes gewählt, den kann man nicht ignorieren. Daher ist die Wahl auch mehr als problematisch und gegen die Vernunft gewesen. Was ein solches Interview klar beweist.
        Den Vergleich mit Petzner kann man nur aus Kärntner Binnensicht anstellen. Der ist nichts, den kennt keiner.
        Gruß Rainer Nowak

  7. Vom Wien-Bobo zum Kärnter Binnen-Sichtigen innerhalb zweier Tage: Ist das jetzt ein Abstieg? So dumm sind wir hier im Süden allerdings nicht, immerhin haben wir den steirischen Beute-Kärntner Petzner (der – nur Vollständigkeit halber – der international bekannter ist als Graf, auch wenn er nichts ist) vor kurzem nach Wien entsorgt. So einfach geht das mit Graf leider nicht. Dass seine Wahl ein Fehler war, worüber wir uns ja einig sind, stand schon vor dem (btw: guten und fundierten) Interview, das Sie mit ihm führten, fest. Die Frage ist nicht, ob Graf untragbar ist, sondern wie man mit ihm umgeht. Ich denke, wie oben ausgeführt, dass seine Abwahl einen Pyrruhs-Sieg für die Demokratie bedeuten würde. Und ich denke, dass Graf die Medien-Logik bewusst ausnützt. Die Frage ist daher legitim, ob es aus Sicht einer Qualitätszeitung Sinn macht, dieser Empörungsspirale Vorschub zu leisten. Selbstverständlich kann man Martin Graf nicht ignorieren, aber muss man ihm gleich ein großes Interview einräumen? Ich denke, das ist ein Unterschied, ich denke Graf hat von diesem Interview enorm profitiert und ich denke dass Medien, die etwas auf sich halten, nicht umhin kommen, dieses Cui bono mitzudenken. Aber vielleicht haben ja Sie Recht und ich habe Unrecht, weil ich ein eindimensionaler, Haider-geschädigter Kärntner bin.
    Mit lieben Grüßen,
    Wolfgang Rössler

  8. ok. ich hoffe du hast obigen schreibstil geübt weil er sehr modern ist und willst ihn nicht beibehalten. ich kann mir vorstellen wie sich dir ein paar nichtsnutzige titten in neubau beipflichten und du für ein paar pyrrhus siege und hämorrhoidenzwicken und so-what-lässigkeit die neuen wiener am zaum hältst aber das solltest dir in der eisernen zeit am naschmarkt gleich abgewöhnen. todl. ausserdem hat hier keiner gewonnen. a elend.

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