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Kärnten, Winter

In Uncategorized on Dezember 21, 2008 by carnica

Ein paar ungeordnete Momentaufnahmen aus Kärnten.

Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie,
Sie tragen sie jetzt im Innern;
Das trauliche Du wird immer noch
An das alte Er erinneren.

Heinrich Heine, Ein Wintermärchen

Zwei Kärnten gibt es dieser Tage: Der obere, an Tirol grenzende  Teil liegt versunken im Schnee. Der untere Teil, Richtung Slowenien, die Markationslinie verläuft irgendwo bei Villach, bleibt schneelos. Die Hauptstadt Klagenfurt ist aper, vergraben in einem Nebelloch.

Immer noch finden sich vereinzelt Menschen, die vor dem Regierungsgebäude Kerzen anzünden, für den verunfallten Landeshauptmann Jörg Haider. Wir erinnern uns: Im Oktober kamen sie zu tausenden gepilgert, mit Kerzen, Briefen und Kränzen. Ende November wiederholte sich die Szene: Nicht weniger als 3000 wenig begüterte Menschen kamen an einem grauen Samstagvormittag, um sich den so genannten „Teuerungsausgleich“ abzuholen. Angekündigt wurde die Auszahlaktion in orangen doppelseitigen Inseraten, die verschwiegen, dass das Geld auch per Formular am Postweg angefordert werden kann.

In der Landesregierung gab es das Geld in bar – ausgehändigt vom neuen orangen Landeshauptmann Gerhard Dörfler und vom ebenfalls orangen Finanzreferenten Harald Dobernig. Die Medien waren nachdrücklich eingeladen worden, der Landespressedienst fotografierte ununterbrochen: Alte Frauen fielen Gerhard Dörfler um den Hals, junge Mütter mit Kindern strahlten ihn an, Greise klopften ihn auf die Schultern. „Du Landeshauptmann! Danke sehr.“ Klickklick! Ein skurriles Dramulett in der Endlosschleife. Das Honorar für die Nebendarsteller: 100 Euro für Alleinstehende, 200 für Familien. Kein Geld für Ausländer und Obdachlose.  Die fotografischen Verwertungsrechte gehen an die BZÖ-Riege der Landesregierung über.

In den Tagen darauf dasselbe Bild: Der Strom der Hilfsbedürftigen reißt kaum ab. Man kämpft gegen den Zynismus an. Sagt: Offenbar brauchen die Leute das Geld dringend. In Kärnten, dem Land das nach acht Jahren Jörg Haider in allen wirtschaftlichen Kenndaten auf die hinterste Ränge gerutscht ist.

Nicht einmal einen Steinwurf entfernt, im Erdgeschoss des unlängst runderneuerten Verwaltungszentrums der Landesregierung liegt das schnieke neue In-Lokal der Polit-Szene. Der Name: „Fürstlich“. Hier klingeln die Gläser, wenn die Armani-gewandeten jungen Regierungsmitarbeiter mit Aperol-Spritzern auf den gelungenen PR-Coup anstoßen.

Szenewechsel, wenige Wochen später, im Kärntner Landtag. Fünf Parteien kämpfen gegen ihre politische Bedeutungslosigkeit an. Der realföderalistische Wahnsinn feiert fröhliche Urständ. Marktschreierisch werden Resolutionen und Dringlichkeitsanträge und inhaltsleere Gesetze verabschiedet. Für eine bessere soziale Absicherung ehrenamtlicher Arbeit („die Landesregierung wird aufgefordert, die Bundesregierung aufzufordern…“). Gegen zusätzliche zweisprachige Ortstafeln: BZÖ, ÖVP und FPÖ sagen „Nein“. Die (in dieser Frage zuständige aber säumige Bundesregierung) muss mit dem Protest der Kärntner Landtagsmehrheit rechnen, wenn sie den Staatsvertrag umsetzen will.

Eine „Provinzposse“ sei das, meint die Grüne Abgeordnete Barbara Lesjak. „Halt den Schnabel. Halt endlich den Schnabel“, ruft ihr der orange Klubobmann Kurt Scheuch zu.

Man wird den Eindruck nicht los, dass in der Tat immer mehr Kärntnerinnen und Kärntner den Schnabel halten.

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