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Fünf Wochen später

In Uncategorized on November 8, 2008 by carnica

Oder: Warum ich nicht glaube, dass das „Bündnis Zukunft Österreich“ über den März 2009 hinaus den Landeshauptmann stellen wird.

Ich schreibe seit über drei Jahren im Hauptberuf über Kärntner Landespolitik. Durchschnittlich zwei Mal pro Woche hatte ich es mit dem vor fünf Wochen tödlich verunfallten Landeshauptmann Jörg Haider zu tun: auf Pressekonferenzen, über sein Sprachrohr Stefan Petzner oder telefonisch. Ich kannte und kenne ihn keineswegs so gut, wie seine langjährigen Mitstreiter, Widersacher und publizistischen Gegenüber. Was ich aber behaupten kann: einen ganz guten Einblick in sein politsches Alltagsgeschäft abseits überregionaler Schlagzeilen erlangt zu haben. Sein politisches Talent funkelte besonders grell aus der Ferne betrachtet: bewundernd, ablehnend oder beängstigt. Die überregionale Erregung war seine Droge. In den Mühen der Ebene keuchte er bisweilen wie der alter Mann, der zu werden er fürchtet.

Hinter den Kulissen, in den Hinterzimmern der Regierungsbüros, wo öffentlichkeitsarm konkrete Politik passiert- nein: gemacht wird – ist er seinen medienungewandten politischen Widersachern von SPÖ und ÖVP (so sie sich einigen konnten) oftmals erlegen. Den langweiligen, kleinkrämerischen Polit-Handwerkern, die ihn immer wieder auf den Boden der Realität zwangen. So wurde kurz vor seinem Tod ein von Haider eingesetzer Spitalsmanager (Dieter Mandl, dessen Auftrag es war, den „roten“ Krankenhausbetrieb sturmreif zu schlagen) innert weniger Monate wieder gefeuert. Gleichzeitig musste der Aufsichtsratschef der Kärntner Spitäler, Haider-Vertrauter Martin Strutz gehen. Gulliver Haider hatte eine entscheidende Schlacht verloren. Aber die Zwerge belauerten sich gegenseitig zu misstrauisch, waren sich einander zu spinnefeind, um den schier übermächtigen Landeshauptmann akkordiert am Zeug zu flicken.

Zurück zur Person Jörg Haider: Er sei ein Ausnahmepolitiker gewesen, der das politische Zweiparteiensystem Österreichs positiverweise von Grund auf umgekrempelt habe, würdigte ihn SPÖ-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer posthum. Das mag zum Teil stimmen – auch wenn die Erosion der Zwei-Parteien-Republik auch durch das Antreten der Grünen verstärkt wurde und letztlich im Takt einer globalisierten Entwicklung geschah. Die zwei Großparteien hätten mit oder ohne Haider an Macht verloren. Man blicke über die Grenze nach Deutschland, wo durch deutlich weniger grelle Polit-Persönlichkeiten die Vorherrschaft von SPD und CDU/CSU gefällt wurde.

Nicht zu vergessen ist auch, dass die viel gescholtene und von ihm aufs Blut bekämpfte Große Koalition 1986 einzig aus einer Abwehrreaktion gegen Haider heraus gezimmert wurde. Haider gerierte sich als Lösung eines „Problems“, das er selbst geschaffen hatte: Nach seiner Putsch-Wahl zum FPÖ-Chef sprengte der sozialistische Bundeskanzler Franz Vranitzky die bis dato regierende tendenziell linksliberale rotblaue Koalition und holte sich die Konservativen ins Regierungsbett. So viel zum Thema Mythos.

Relativ unumstritten ist, dass Haiders politische Stärke keineswegs ideologischer Strahlkraft geschuldet war. Seine familiär bedingte, lose Verwurzelung im Nationalsozialismus erwies sich zu gleichen Teilen als Vorteil in einschlägigen Kreisen wie als Klotz am Bein (1991 kostete ihn das den Landeshauptmann). Realpolitisch ein Nullsummenspiel: Nach seiner Abwahl lernte er daraus und spielte fürderhin nur noch mit Ideologie, tastete sich vorsichtig heran, schreckte zurück, wenn es brenzlig wurde. Haider war ein Alpen-Berlusconi, nicht einmal ein Georg Schönerer, bestenfalls ein Karl Lueger.

Seine große Stärke lag – da gehe ich d’accord mit Michael Fleischhacker – in der kühlen und höchst effizienten Analyse der politische Architektur des Landes, die er erfolgreich für sich urbar machte. Es ging ihm nie wirklich um ideologische Gestaltungsmöglichkeiten sondern schlicht und ergreifend um Macht. Seine Ehre hieß Quote. Haider analysierte und benutzte aber nicht nur nur das politische System, sondern auch die Medienlandschaft: Wie kein Politiker vor ihm spielte er mit Journalisten: in seinen Anfangsjahren als Oppositionspolitiker steckte er ihnen Exklusiv-Stories, später vor allem – als Landeshauptmann – produzierte er Schlagzeilen am laufenden Band. Es wurde oft genug darauf hingewiesen, dass er in den Neunziger-Jahren regemäßig News-Cover lachte („eine Woche Titten, eine Woche Haider“ lautete damals die redaktionelle Vorgabe). Später zeigten sich vor allem die Qualitäts-Medien kratzbürstig und verweigerten den gegenseitigen Quoten-Deal (die Kleine Zeitung druckte seine berühmten Ortstafel-Verrückungsfotos nicht, der Falter verhängte überhaupt ein Haider-Fotoverbot. Das war es, was Haider dann eigentlich als „Medienhetze“ verstand. Nicht die negativen Schlagzeilen).

Den nüchtern-abschätzigen Blick auf das österreichsiche Polit-System haben seine orangen Nachfolger geerbt. Die Intellektualität, die Strukturen für für sich zu nutzen nicht. Der neue BZÖ-Landeshauptmann Gerhard Dörfler, glaubt tatsächlich, was er sagt. Das macht zunächst keinen Unterschied: weil seine Politik kurzfristig nur eine, eben eindimensionale Haider’sche Nachlass-Verwaltung ist. Das ist zunächst erschreckend, weil es keinen Zweifel daran lässt, wes Geistes Kind ein Mann ist, der ungerührt darüber hinweg geht, dass in Kärnten offenbar Mordanschläge in Haiders Namen verübt werden. Letztlich macht das Dörfler aber zu einem (und zwar drittklassigen) Ideologen, der sich mit den traditionellen Parteien auf die gute alte Weise im Wettstreit der Ideen messen muss. Und wenn es die rot-schwarzen Polit-Handwerker nicht verpfuschen, kann er dabei nur verlieren.

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