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Pietät

In Uncategorized on Oktober 15, 2008 by carnica

Liebe Kärntnerinnen und Kärntner! Bei aller gebotenen Pietät:

Es reicht.

  1. Jörg Haider ist etwas Furchtbares zugestoßen und seiner Familie gehört unser uneingeschränktes Mitgefühl. Ebenso wie es allen anderen Hinterbliebenen tödlich Verunglückter gebührt, deren tragisches Schicksal in den Zeitungen auf zwanzig bis dreißig Zeilen umrissen wird.
  2. Politisch wie menschlich ist es SPÖ, ÖVP, Grünen, FPÖ und Enotna lista hoch anzurechnen, dass sie aus Pietätsgründen davon Abstand nehmen, in dieser Phase politisches Kleingeld zu wechseln.
  3. Es bleibt anzumerken, dass es bislang einzig Haiders BZÖ war, das in den letzten Tagen eindeutige parteipolitische Ansagen gemacht hat. Es sei eine Frage der „Pietät gegenüber Jörg Haider“, sagt der geschäftsführende orange Landeshauptmann Gerhard Dörfler gegenüber der Kärntner Woche, dass der Landtag IHN zum neuen Landeshauptmann wählen soll. Der Interviewer, KW-Chefredakteur Uwe Sommersguter fragt nicht nach, warum das eine Frage der Pietät sei. Unterlässt er es aus Pietätsgründen? „Es ist eine Verpflichtung, dass die stärkste Partei den LH stellt“, sagt Dörfler im nämlichen Gespräch. Der Interviewer fragt nicht nach, warum, diese Verpflichtung nicht galt, als Jörg Haider im Jahre 1989 aus der Position des Dritten zum LH gewählt wurde. Warum tut er das nicht? Aus Gründen der Pietät? Kärnten sei durch den Verblichenen „offener“ geworden, sagt Dörfler. „In Wahrheit hat Jörg Haider in Kärnten Demokratie eingeführt.“ Durch das Negieren von Höchstgerichts-Urteilen, durch das Einführen von „Sonderanstalten“ für vor der Justiz unbescholtene Asylwerber? Das seltsame Argument bleibt vom Interviewer unwidersprochen. Journalistische Pietät?
  4. Jörg Haider ist mit geschätzten 180 Stundenkilometern im Ortsgebiet von der Straße abgekommen. Laut News war er zu diesem Zeitpunkt fahruntauglich weil stark alkoholisiert. Hätte ihn eine Verkehrsstreife aufgehalten, wäre er seinen Führerschein für lange, lange Zeit los gewesen. Er hätte einen Psychotest  machen müssen, wie alle die anderen Idioten, die sich a) sturzbetrunken in ein Auto setzen und sich b) maßlos selbst überschätzen und damit c) unschuldige Menschenleben gefährden. Eine Verkehrskontrolle hätte ihn seinen Job kosten, aber sein Leben retten können.
  5. Jörg Haider war niemals ein Landesvater. Dass dieser Tage tausende von Trauernden zur Landesregierung pilgern, ändert daran nichts. Haider hatte und hat überzeugte, geradezu fanatische Anhänger. Der Großteil der Kärntner Bevölkerung (2004 waren es 58 Prozent der Wähler plus die Nichtwähler) wollte ihn aber nicht als Landeshauptmann haben. Unter jenen, die Haider nicht gewählt hatten, gab es eine große Anzahl an entschiedenen Gegnern mit sehr guten Argumenten (seine hetzerischen Minderheitenpolitik, seine desaströse Finanzpolitik oder sein brutaler Umgang mit politisch Andersdenkenden). Haider hat die Bevölkerung getrennt, nicht geeint: Das war es, was ihn von dem in den letzten Tagen oft in einem Atemzug mit ihm genannten Bruno Kreisky unterschieden hat.
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