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Warum mich Faymann stutzig macht

In Uncategorized on September 25, 2008 by carnica

Die Augen, es sind die unsichtbaren Augen. Ich kenne kein Foto von ihm, auf dem man seine Augen deutlich sehen könnte. Sie sind stets verdeckt unter dichten, schwarzen Brauen und zusammengekniffenen Lidern. Als ob er einen schwarzen Balken vor dem Gesicht trüge, der seine Identität verschleiert. Dafür kann Werner Faymann selbstverständlich nichts. Aber ich kann mich meines mulmigen Gefühls nicht erwehren. Auch wenn ich weiß, dass es irrational ist.

Beim gestrigen SPÖ-Parteitag in Villach hat Faymann eine mathematisch berechnete Rede gehalten, perfekt gestylt, mit zielgruppengerecht kalkulierten Nadelstichen gegen den Noch- und Vielleicht-bald-wieder-Koalitionspartner ÖVP. Seine zwei Kärntner Vorredner und Gastgeber Gaby Schaunig und Reinhart Rohr hat er keines Wortes gewürdigt, auch auf die Situation der Kärntner SPÖ ist Faymann nicht eingegangen. Schaunig und Rohr bekamen durchaus tüchtigen Applaus, bei Faymann waren es standing ovations. Der Saal tobte, Parteiobere und Parteivolk waren nicht mehr auf den Stühlen zu halten, nur wenigen Funktionären waren unbestimmte Zweifel ins Gesicht geschrieben. Irgendwie, dünkt mir. Aber vielleicht täusche ich mich auch.

„Ein Sieger aus der Image-Retorte: Jede Geste geprüft, jedes Aussehen gestylt, jede Taktik berechnet.“

So schrieb die sozialistische Arbeiterzeitung vor ziemlich genau 22. Jahren, am 15. September 1986. Die Genossen Journalisten meinten Jörg Haider, der sich tags zuvor am Parteitag von Innsbruck an die FPÖ-Spitze geputscht hatte. Weil ihm der glücklose Norbert Steger zu zahm gegenüber dem damaligen Koalitionspartner, der Vranitzky-SPÖ, war.

Ja, eh. Natürlich weiß ich, dass Faymann und Haider nicht vergleichbar sind. Faymann hat als Wiener Wohnbau-Stadtrat eine recht herzeigbare Politik gemacht, auch wenn uns die ÖVP derzeit anderes weismachen will. Er hat die sauren Wiesen der klandestinen Wiener Wohnbaugenossenschaften trockengelegt und eine vernünftige Integrationspolitik betrieben. Dass ihn die Krone dafür nicht durch Sonne und Mond geschossen hat, ist auf seinen – vornehm, sehr vornehm ausgedrückt – Pragmatismus in Medien-Angelegenheiten („Onkel Hans„) zurückzuführen. Als Verkehrsminister musste er sich mit parteipolitisch motivierten Fehlentscheidungen seines Vorgängers Hubert Gorbach (Stichwort Asfinag, Stichwort Wörtherseetrasse) herumschlagen. Er hat dabei nicht geglänzt, aber auch keine krass vermeidbaren Fehler gemacht.

Im Kern vertritt Faymann, der anders als Gusenbauer einem bürgerlichen Elternhaus entstammt und erst recht spät politisch sozialisiert wurde, eine gemäßigt-pragmatische, wenn auch durchaus akzentuiert sozialdemokratische Grundhaltung. Seine scharfen Töne sind offenbar wahlkampftaktischen Überlegungen geschuldet, ebenso wie die neue populistische EU-Linie der Partei. Das alles ist objektiv betrachtet nicht wirklich schlimm. Stutzig macht mich nur die geradezu roboterhafte Berechnung, mit der er Duftmarken setzt. Geht’s nur mir so?

Doch wie schrieb schon die AZ Anno 1986:

„Aber bitte, wer wird denn so kleinlich sein, wo er doch mit seinem Buben-Lächeln Mütter schwach und Töchter hoffen macht.“

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