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Risan, Montenegro: Eine Verklärung

In Uncategorized on September 25, 2008 by carnica


Es gibt Leute, die halten die Einwohner von Risan, Montenegro für faul. Für andere – der Wahrheit sei’s geschuldet, wir sind klar in der Minderzahl – sind sie viel fleißiger als der Rest der Welt. Weil die rund 3500 Risaner und Risanerinnen den ganzen Tag nachdenken und reden. Oder stundenlang aufs offene Meer blicken, dann nachdenken und dann von Freiheit zu reden beginnen, bis die Sonne über der Bucht von Kotor aufgeht. Und sich vor die zahllosen Bergkuppen drängt, die eng aneinander geschmiegt auf die See blicken und gähnen. Kein lärmender Tourist weit und breit. Gut so.

Die geneigte Leserin, der geneigte Leser merkt: Dies hier wird kein Urlaubsbericht, dies wird eine Liebeserklärung an Risan, die Stadt des wachen Schlummers und der Träume. Versteckt hinter Dickicht, in einem winzigen Museum, wacht Risans Schutzheiliger Hypnos: der griechische Gott des Schlafes und des Todes, dargestellt auf einem uralten Mosaik.

Nur wenige Kilometer entfernt hat vor über 2000 Jahren Teuta geherrscht, die sagenhafte antike Piratenkönigin, nach der ein Hotel von atemberaubender realsozialistischer Hässlichkeit am Ortseingang von Risan benannt ist. Von Teuta wird erzählt, dass sie an die hundert Liebhaber hatte: Jeder von ihnen soll für eine einzige Vereinigung mit ihr sein Leben gegeben haben. Die römischen Geschichtsschreiber berichten, dass Teuta letztlich von römischen Truppen gefangen genommen wurde.

Für den Risaner Volksmund ist das hingegen ein eindeutiger Fall von Geschichtsklitterung: Tatsächlich sei die stolze Teuta, als die verhassten Imperatoren anrückten, von ihrer Burg aus in die Tiefe gesprungen. Dabei habe sie sich in eine fette, schwarze Schlange mit kleinen Flügeln verwandelt. Solch fette, schwarze Schlangen (ohne Flügel) findet man heute immer noch in Risan, und zwar nur in Risan, Montenegro. Angeblich, so der Volksmund, der nach dem zweiten Raki zur Ausschmückung neigt.

Politisch korrekte Mafiosi

Langsam wendet ein kleines Segelboot in der Ferne und nimmt Kurs auf den kleinen Hafen, der für Außenstehende nicht zugänglich ist. „Port of Risan“ steht auf einem rostigen Schild. Zwanzig Meter Hinter der Umzäunung: eine kleine Tür – „Office“, daneben eine Tür „Post Office“, daneben „Police“. Eine riesiger, rostzerfressener Kutter namens „Risan“ beherrscht das palmenumrankte Bild. Seit Urzeiten hat er nicht mehr abgelegt, wissen Einheimische. Bis vor wenigen Jahren diente diese Potthäßlichkeit von Schiff als Drogenumschlagsplatz. Das Polizei-Schild täuscht: Der einzige Sicherheitsmann Risans residiert am Ortseingang, fünfhundert Meter oder eine Zigarettenlänge entfernt.

Das Segelboot macht erneut eine kleine Volte und gleitet auf die Strandbar „Corte“ zu, wo sich die Einheimischen mit den Fremden treffen und schon am Nachmittag Bier trinken. „Nik“, ein glasklarer, süffiger Zaubertrank aus den Bergen Montenegros. Das Boot entschleunigt, stößt leicht gegen die Planken. Ein westeuropäisch aussehender Mittvierziger mit weißem Hut und freiem Oberkörper steigt aus, vertäut es. Erneut: Entschleunigung. Schweigen. „Two more beer, please.“ Einer der wenigen englischen Sätze, den Katharina, die mazedonische Kellnerin versteht. Sie nickt und lächelt, setzt zu einem Lachen an, blickt zum Barbesitzer, der an seinem Stammtisch sitzt und den ganzen Tag nur Kaffee, später Bier trinkt trinkt und kontrolliert. Ihr Lachen gefriert, sie geht das Bier holen.

Ein vielleicht 13 Jahre alter Zigeuner-Junge wirbelt hinter der Theke hin und her. Er ist es, der das Bier zapft. Er kümmert sich nicht um den Barbesitzer: Sein schmutziges Lachen ist das Lachen eines Jungen, der wohl das Weinen, aber keine Ketten kennt. Ab und zu klaut er sich eine Zigarette (vom Chef?) und grinst verschwörerisch. Wir grinsen zurück. Das nächste Mal begrüßt er uns per Handshake: „Gimmi five“. Das Bier, das er für uns gezapft hat, bringt er uns persönlich – darauf besteht er. Mit den Zeigefinger zeigt er: Ich hab euch extra viel eingeschenkt. Viele Stunden später, gegen fünf Uhr morgens, kommt er zu uns an den Strand und schnorrt sich eine Zigarette. Hinter ihm tanzt ein Rudel streunender Hunde.

Die Hunde sind überall. Sie paaren sich am Strand, wedeln um Fußgänger herum, beschnuppern, betatschen sie mit nassen Schnauzen, legen sich auf den Boden, wollen spielen, gefälligst gestreichelt werden: Sie sind nichts anderes gewohnt. Denn in Risan, Montenegro mag man Hunde, vor allem die herrenlosen.

Knapp zwei Jahre ist es her, dass Montenegro seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt hatte. Es heißt, dass die von Premier Milo Đukanović in Windeseile durchgepeitschte Seperation ein Ablenkungsmanöver gewesen sei. Đukanović war nicht immer Regierungschef. Zuvor hatte er eine steile Karriere im organisierten Zigarettenschmuggel hingelegt. „Our politicians are crimials“, schimpft ein Grafikdesigner und Tätowierer aus Podgorica am Abend in seinen Johnny-Depp-Bart hinein. Mag sein. Die Lösung? Ein starker Führer für ein geeintes jugoslawisches Reich. Irgendwann fällt das Wort „Hitler“. Wir verlassen fluchtartig den Tisch. Da doch lieber bei Đukanović billige Zigaretten kaufen. Der hat übrigens als erster und bisher einziger ex-jugoslawischer Regierungschef einen Prozess der Vergangenheitsbewältigung in Gang gesetzt und sich offiziell bei Kroatien für die Mitschuld Montenegros an den Gräueln des Balkankrieges entschuldigt. Taktik, mag man einwenden. Anbiederung an die EU, die in Montenegro „nation building“ betreibt (die offizielle Währung ist der Euro). Ein mehr oder weniger subtiler Seitenhieb gegen Belgrad, vielleicht. Aber immerhin. Ein politisch korrekter Mafioso.

„Moooontenegro“, singt Igor zu später Stunde in der „Pirate Bar“ leicht außerhalb Risans. Der schmerbäuchige 26-Jährige hat mich mit einem grausamen Gesöff aus Absinth und Red Bull abgefüllt. Irgendwann singe ich mit. „Brother Vucko“ (= Wolf = Wolfgang), grölt er und umarmt mich. Abends zuvor habe ich ihn in einem teuren Auto vorbeiflitzen gesehen. Auf der anderen Straßenseite hielt die Polizei Autos auf, die etwas zu schnell unterwegs waren. Kleine Fiats, VWs, Yugos. Igor brauste im BMW vorbei, winkte den Polizisten zu, diese winkten zurück. Moooontenegro! Du bist so viel ehrlicher und charmanter als Kärnten.

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2 Antworten to “Risan, Montenegro: Eine Verklärung”

  1. hmm . naja der text stimmt nicht ganZ !
    ich bin in Risan jeden Sommer und das sind meine schönsten Erlebnise !!

  2. schön, sind wir zwei risan-fans 🙂 aber bitte schon sagen, was nicht stimmen soll.

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